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Amme (n.)
Im eigentlichen Sinn des Wortes wird jede Frau zur Amme, sobald sie stillt.[1] Erst im übertragenen Sinn des Wortes gilt das Wort Amme für Frauen, die ein fremdes Kind gegen Entlohnung zur Brust nehmen.[2]
Im Norwegischen[3] und im Dänischen[4] bedeutet amme einfach stillen, im Schwedischen[5] heißt amma oder amning stillen. Den von der (Lohn-)Amme gestillten Säugling nannte man früher Amming. Dieses Wort ist heute außer Gebrauch gekommen. Die leiblichen Kinder der (Lohn-)Amme nannte man früher die "Milchgeschwister" des Ammings. Das Verb ammen kann mit Kind pflegen oder pflegen überhaupt übersetzt werden[6]. Das Wort Hebamme stammt nicht von Amme.[7]
Inhaltsverzeichnis |
Das Stillen der eigenen Kinder durch Lohnammen ist bereits im Altertum belegt. Beispielsweise enthielt schon das babylonische Gesetzbuch Hammurapis (ca. 1780 v. Chr.) einen eigenen Paragraph für Ammen[8], im Alten Ägypten hatten sie oftmals eine hohe Stellung in den Familien und am Hof,[9] das Alte Testament berichtet über den Tod Deboras, der Amme der Rebekka, als einer wichtigen Persönlichkeit.[10] In der römischen Mythologie war die Amme der als Säuglinge ausgesetzten späteren Gründer Roms, Romulus und Remus, eine Wölfin.
Die britische Historikerin Antonia Fraser nennt in ihrem Werk über die sechs Frauen Heinrichs VIII. als Grund für den Einsatz von Ammen, dass eine stillende Frau nicht schwanger wird. Frauen der Oberschicht mussten jedoch soviele Kinder wie irgend möglich bekommen, um die Nachfolge zu sichern, weshalb sie ihre Kinder nicht selbst stillen durften.
Doch noch um 1880 waren im Stadtbild Berlins die mit ihren Pfleglingen ausgehenden Ammen aus der Niederlausitz in ihrer sorbischen Tracht auffällig (Volksmund: Wennste 'ne Spreewaldamme hast, | die Dich jenährt als Rangen, | dann kannste, wennste Zwanzig bist, | von ihr det nich valangen.). Auch in Wien sind die Ammen aus Böhmen und Mähren neben den Köchinnen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen, in den Bürgerhäusern legendär geworden.[11] Das Stillen durch Lohnammen ging in Europa etwa ab den 20er/30er Jahren des 20. Jahrhunderts stark zurück, als brauchbare Ersatzmilch verfügbar wurde. In Berlin wurde das auch dadurch sichtbar, dass die auffällig gekleideten Spreewälderinnen und Iglauerinnen fast völlig aus dem Straßenbild verschwunden waren.[12]
In Bern wurden die letzten beruflichen Ammen in den 1950er Jahren in den Ruhestand geschickt.
Als Lohnammen verdingten sich sowohl ledige als auch verheiratete Frauen. Eine Anstellung als Amme war für eine alleinstehende Mutter oft der einzige Ausweg aus einer sozialen Misere, bedeutete dann aber meist auch einen großen sozialen Aufstieg, weil die Amme in der Regel in weit bessere Verhältnisse kam, als sie jemals selbst erlebt hatte. Die Amme hatte in der Regel im Hausgesinde eine hohe Stellung und wurde sehr gut ernährt. Da man glaubte, dass schlechte Stimmungen über die Milch auf das Kind übergehen würden, erfuhr die Amme in der Regel auch sonst eine bevorzugte Behandlung.[13] Darüber hinaus war es zum Beispiel in Frankreich auch üblich, dass Bäuerinnen als nebenberufliche Ammen Säuglinge aus städtischen Familien aufnahmen, ohne dass regelmäßige Besuche stattfanden. Gerade diese (Un-)Sitte[14] und ihre Folgen waren es, die speziell in Frankreich zu Kampagnen führten, dass Mütter ihre Kinder wieder selbst stillen sollten.
Das Einstellen fremder Ammen ist schon früh grundsätzlich kritisiert worden, hinzu kam aber, dass die völlige Gesundheit der zu dingenden Amme fast nie ganz sichergestellt werden konnte. Auch nahm man an, dass manche Krankheiten über die Milch auf das Kind übergehen könnten und anderes mehr. Deshalb wurden ab dem 19. Jahrhundert in verschiedenen Ländern ärztliche Kontrollen vor der Ammenvermittlung nach dem damaligen Stand der Wissenschaft vorgeschrieben. Ganz ausräumen ließen sich die gesundheitlichen Bedenken trotz sorgfältiger Nachforschungen aber nie.
Soziologisch ist bedeutsam, dass sich – besonders in der europäischen Ober- und gehobenen Bürgerschicht bis an die Schwelle des 20. Jahrhunderts – Mütter als die geborenen „Dauerpflegepersonen“ früh von ihren Kleinstkindern verabschiedeten und an ihrer Statt die Ammen zum festen Bestandteil des Hausgesindes wurden. Daraus ergab sich für die heranwachsenden Kinder oft eine respektbetonte soziale Distanz zur leiblichen Mutter, hingegen zur vertrauten Amme eine intime soziale Nähe, was als Motiv in der Dichtung[15] häufig aufgegriffen wurde.
Die Heiligen Zwillingsbrüder Cosmas und Damian sind auf Grund ihres Arztberufs unter anderem auch Schutzpatrone der Ammen.