Die Berliner Philharmoniker (frühere Bezeichnung: Berliner Philharmonisches Orchester) sind ein Sinfonieorchester. Sie gelten als eines der weltweit führenden Ensembles.
Das Orchester ist seit 2002 als Stiftung des öffentlichen Rechts unter Trägerschaft des Landes Berlin organisiert. Die Berliner Philharmoniker verfügen derzeit über 129 Planstellen. Nachdem das alte Stammhaus 1944 während des Zweiten Weltkrieges zerstört wurde, ist seit 1963 die von Hans Scharoun konzipierte neue Berliner Philharmonie am Kemperplatz in Berlin-Tiergarten die Heimstätte des Ensembles.
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Als Ahnvater der Berliner Philharmoniker kann der aus dem schlesischen Liegnitz stammende Dirigent Johann Ernst Benjamin Bilse (1816-1902) angesehen werden. Das ehemalige Mitglied der Kapelle von Johann Strauß (Vater) stellte 1867 ein Orchester zusammen, mit dem er im neuerbauten Concerthaus an der Leipziger Straße regelmäßig Konzerte gab. Die sogenannten „Bilsekonzerte“ waren bald äußerst populär. Das Ensemble war zwar ein Unterhaltungsorchester, zunehmend nahm Bilse aber auch ernste Musik ins Repertoire auf, und schließlich dirigierte sogar Richard Wagner das Bilse-Orchester als Gastdirigent.
Den Anlass zur Gründung der Philharmoniker könnte Anfang Januar 1882 der Auftritt der Meininger Hofkapelle unter der Leitung von Hans von Bülow - das seinerzeit führende Orchester Deutschlands - in der Sing-Akademie zu Berlin gegeben haben, der von der Presse bejubelt wurde. Stimmen wurden laut, dass auch die frischgekürte Reichshauptstadt eines angemessenen und repräsentativen Klangkörpers bedürfe. Die Berliner Zeitung schrieb: „Vielleicht gibt dieser Erfolg gewissen Kreisen Veranlassung, dem großen Dirigenten ein anderes Pult zuzuweisen wie in Meiningen. Wir brauchen uns wohl nicht erst deutlicher auszudrücken.“[1]
Ein paar Monate später kam es in der Bilse-Kapelle zur Revolte. Für eine Konzertfahrt nach Warschau hatte Bilse Fahrkarten der vierten Klasse besorgt, worüber die ansonsten schon unterbezahlten Musiker verärgert waren, und 54 unter ihnen beschlossen nun, ihr eigenes Orchester zu gründen, das sie selbst regieren und verwalten wollten. Sie verpflichteten sich zum „gegenseitigen unverbrüchlichen Zusammenhalten“ und zur persönlichen Haftung für die Ausgaben des Ensembles. Der 1. Mai 1882 war der Gründungstag des neuen Orchesters.
Die Namen der Chefdirigenten (chronologisch):
Die ersten Konzerte des neu gegründeten Orchesters fanden unter dem Namen „Frühere Bilsesche Kapelle“ in dem Charlottenburger Gartenlokal „Flora“ statt. Künstlerischer Leiter war Ludwig von Brenner. Gespielt wurde wie bei Bilse überwiegend Unterhaltungsmusik. Im Sommer 1882 übernahm der Konzertagent Hermann Wolff die Organisation des Orchesters, das von da an den Namen „Berliner Philharmonisches Orchester“ führte. Wolff fand für die Philharmoniker eine ehemalige Rollschuhbahn in der Bernburger Straße als festen Auftrittsort.
Wolff führte auch 1882 die „Philharmonischen Konzerte“ ein: Abonnementkonzerte, die sich an das gebildete Musikpublikum richteten, bei denen unter der Leitung eines herausragenden Dirigenten ausgewählte sinfonische Werke dargeboten wurden.
Sing-Akademie-Direktor Martin Blumner schrieb zur damaligen Qualität des neuen Orchesters: „Mit höchst erfreulichem Gelingen wirkte es (das Orchester) bei uns (im Haus der Sing-Akademie) zum ersten Male im Oktober desselben Jahres (1882) in meinem Oratorium »Der Fall Jerusalems« mit, einen so schönen reinen Wohlklang und so vortreffliche musikalische Sicherheit bekundend, wie wir es lange schmerzlich vermisst hatten“.[2]
Wichtige Dirigenten der ersten Jahre waren Karl Klindworth und der Geiger Joseph Joachim, Gastdirigenten dieser Zeit waren 1884 Johannes Brahms, 1888 Peter Tschaikowski und 1889 Edvard Grieg, die eigene Werke aufführten.
An mehreren Tagen in der Woche wurden außerdem weiterhin, unter der Leitung von weniger namhaften Dirigenten, „populäre Konzerte“ veranstaltet, mit denen sich die Philharmoniker finanziell über Wasser hielten – eine bittere Notwendigkeit, die bis in die 1930er-Jahre bestehen sollte.
1887 engagierte Wolff als Chefdirigenten Hans von Bülow (1830-1894). Schüler von Friedrich Wieck, Franz Liszt und Richard Wagner, war Bülow auf internationalem Parkett sowohl als Dirigent als auch als Pianist ein Star. Als Hofkapellmeister hatte er in den Jahren 1880 bis 1887 die Meininger Hofkapelle zu einem Spitzenorchester geformt, das Tourneen durch ganz Deutschland veranstaltete. „Bülow war Bahnbrecher im Hinblick auf einen Wandel der Funktion des Dirigenten. War dieser früher in erster Linie Taktschläger im Sinne einer Orientierungshilfe für die Orchestermusiker gewesen, so trat er nun als Interpret zum Vorschein. Dessen Aufgabe bestand nach Bülow nunmehr darin, ‚das Verborgene an das Tageslicht [zu] befördern.‘“[3]. Bülow führte bei den Berliner Philharmonikern eine eiserne Disziplin ein. In stundenlangen und harten Proben formte er während seiner Amtszeit das Ensemble zum Eliteorchester Deutschlands. „Bülow verlangte von sich und den ihm Anvertrauten höchste Konzentration, heiligen Ernst für eine heilige Aufgabe, Aufmerksamkeit für jede Note wie für das Ganze…“[4].
Auch das Konzertpublikum erzog Bülow: Während seiner Konzerte durften nicht mehr, wie zuvor, Speisen und Getränke serviert und verzehrt werden. Auch Gespräche hatten zu unterbleiben, und es herrschte Rauchverbot. Berühmt, mitunter auch berüchtigt, waren auch die Ansprachen Bülows an das Publikum, bei denen er nicht nur die dargebotenen Werke kommentierte, sondern zuweilen auch die Tages- und Kulturpolitik. „Mitunter waren seine Hinwendungen zum Publikum auch nonverbaler Art. Sie galten etwa fächerschwingenden Damen, die er so lange anzustarren pflegte, bis sie die Arme sinken ließen.“[5]
Der „Berliner Courier“ schrieb am 15. Januar 1888 über eines der Konzerte Bülows: „Wie er dasteht, das scharfe Profil seitwärts gewendet, den Klemmer auf der Nase, wie er vom ersten Moment an den Tactstock in sichern, festen Zügen führt […] als wäre es ein Zauberstab in seiner Hand […] er hebt den Spieler zu sich empor, entlockt ihm den Ton, den er haben will. […] Wie dieser einzige Dirigent das Orchester an seinem Zauberstab führt […], das lässt sich nur schwer beschreiben …“[6]
1888 wurde die ehemalige Rollschuhbahn zur Philharmonie, d.h. zum bestuhlten Konzertsaal ohne Tische, umgebaut.
Bülow leitete das Orchester bis 1893. Darauf folgte ein zweijähriges Intermezzo ohne Chefdirigenten; die meisten Konzerte dieser Zeit wurden durch den Komponisten Richard Strauss bestritten.
Seit den 70er Jahren wird von den Berliner Philharmonikern die "Hans-von-Bülow-Medaille" vergeben. Damit ehrt das Orchester sowohl seinen ersten Chefdirigenten Hans von Bülow, wie auch Musiker - insbesondere Dirigenten - für ihre Verbundenheit mit dem Orchester. Die Medaille wurde bisher u.a. vergeben an: Eugen Jochum, Herbert von Karajan, Bernard Haitink, Günter Wand, Nikolaus Harnoncourt, Hans Werner Henze, Claudio Abbado, Wolfgang Sawallisch, Georg Solti, Alfred Brendel, Claudio Arrau, Zubin Mehta, Daniel Barenboim, Seiji Ozawa, Lorin Maazel, Lovro von Matačić, Mariss Jansons, Erich Hartmann, Vicco von Bülow (Loriot), Rudolf Serkin, Yehudi Menuhin, Dietrich Fischer-Dieskau, Wolfgang Stresemann, Hans Heinz Stuckenschmidt.
1895 wurde auf Empfehlung Franz Liszts hin der gebürtige Ungar Arthur Nikisch (1855-1922) zum Chefdirigenten „auf Lebenszeit“ berufen. Er hatte dieses Amt 27 Jahre lang inne.
Nikisch führte die Philharmoniker zu europaweitem Ruhm. Gastspielreisen führten die Philharmoniker nach Russland, der Schweiz, Belgien, Frankreich, Italien, Spanien und Portugal. Internationale Stars wie Pablo de Sarasate, Eugène Ysaye, Fritz Kreisler, Pablo Casals und das elfjährige Wunderkind Jascha Heifetz gastierten mit den Philharmonikern.
1913 nahmen die Philharmoniker unter Nikischs Leitung für die Deutsche Grammophon Gesellschaft erstmals in der Geschichte der Schallplatte eine komplette Sinfonie auf; eingespielt wurde Beethovens Fünfte.[7]
Nach Nikischs Tod im Jahre 1922 wurde Wilhelm Furtwängler (1886-1954), bis dahin Leiter der Berliner Staatsoper, als neuer Chefdirigent engagiert. Unter Furtwängler, der wohl führenden Dirigentenpersönlichkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, erlangte der Ruhm der Berliner Philharmoniker Weltgeltung. Zahlreiche Werke namhafter Komponisten wie Rachmaninow, Prokofjew, Strawinski, Ravel wurden durch das Orchester uraufgeführt. Einen Höhepunkt während der 1920er-Jahre bildete 1929 der Auftritt des Wunderkindes Yehudi Menuhin mit den Philharmonikern unter Bruno Walters Leitung, bei dem der Zwölfjährige Violinkonzerte von Bach (E-Dur), Beethoven und Brahms spielte.
Furtwängler fühlte sich in erster Linie der Wiener Klassik und Spätromantik verbunden und ist in die Musikgeschichte als der große Deuter des deutschen Musikerbes eingegangen. Interpretation begriff er dabei als einen Akt musikalischer Neuschöpfung. 1934 schrieb er dazu in einem Aufsatz: „Man stelle sich die Situation des Schaffenden vor: Sein Ausgangspunkt ist das Nichts, sozusagen das Chaos; sein Ende das gestaltete Werk. Der Weg dahin, also … das ‚Gestaltwerden‘ des Chaos, vollzieht sich ihm im Akt der Improvisation.“[8] Dies manifestierte sich auch in Furtwänglers suggestiver Zeichengebung. „Auf diese Weise trat die Musik in ihrer ursprünglichen Voraussetzungslosigkeit in Erscheinung; altbekannte Symphonien wurden völlig neu erlebt.“[9] Werner Thärichen, Paukist der Philharmoniker, beschrieb das Phänomen Furtwängler folgendermaßen: „… daß ein Mensch das Orchester und alle Zuhörer in einen solchen Rausch versetzen konnte, war überhaupt nicht zu fassen. In London sprangen die Besucher noch während des Konzertes von den Sitzen: Sie waren außer sich, benommen, elektrisiert.“[10]
Als in den frühen 1930er-Jahren die wirtschaftliche Rezession das Orchester in seiner Existenz bedrohte, übernahmen 1932 die Stadt Berlin, das Reich und der Rundfunk die finanziellen Garantien. Im Gegenzug dafür mussten sich die Philharmoniker verpflichten, Volks-Symphoniekonzerte und Schulkonzerte zu geben.[11]
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 übernahm das Reich die finanzielle Sicherung des Orchesters.[12] Zum ersten Mal waren die Philharmoniker kein Lohnorchester mehr, sondern wurden staatlich subventioniert, konnten somit nun endlich auf die lästigen „Populären Konzerte“ verzichten. Als solchermaßen deutsches Vorzeigeorchester konnten sie – und mit ihnen Furtwängler – allerdings nunmehr als Repräsentanten des NS-Staats betrachtet werden.[13]
1934 führte Furtwängler mit den Philharmonikern Musik des verbotenen Mendelssohn auf[14], dirigierte außerdem die Uraufführung von Paul Hindemiths Sinfonie „Mathis der Maler“[15] und verteidigte öffentlich den als „entartet“ geltenden Komponisten Hindemith.[16] Im Zuge des daraus resultierenden Skandals wurde er im selben Jahr genötigt, von sämtlichen Ämtern zurückzutreten.[17] Er dirigierte die Philharmoniker künftig nur noch als Gastdirigent. Von 1934 bis 1952 hatte das Orchester formell keinen Chefdirigenten. Noch 1935 führten die Philharmoniker Mendelssohns Violinkonzert mit dem Virtuosen Georg Kulenkampff unter der Leitung von Max Fiedler auf.[18]
Nachdem sich 1935 die Konzertagentur Wolff selbst aufgelöst hatte, um einer drohenden „Arisierung“ zuvorzukommen, wurde die Stelle eines Intendanten geschaffen. Der erste war Hans von Benda. Sein Nachfolger wurde 1939 Gerhart von Westerman, der mit einer Unterbrechung zwischen 1945 und 1952 diese Stellung bis 1959 innehatte.
Das letzte Konzert der Philharmoniker vor Kriegsende fand am 16. April 1945 im Beethovensaal statt, das erste nach dem Krieg bereits am 26. Mai 1945 im Steglitzer Titania-Palast, einem umgebauten Kino. Dirigiert wurde es von dem gebürtigen Russen Leo Borchard (1899-1945), da Furtwängler von der amerikanischen Besatzungsmacht als politisch belastet eingestuft worden war und, obwohl niemals Parteimitglied, bis zum Abschluss eines Entnazifizierungsverfahrens Auftrittsverbot hatte.[19] Borchard wurde jedoch bereits am 23. August 1945 irrtümlich von einem amerikanischen Besatzungssoldaten an der britisch-amerikanischen Sektorengrenze erschossen. Sein Nachfolger als leitender Dirigent der Philharmoniker war der seinerzeit noch völlig unbekannte Sergiu Celibidache. Bereits am 29. August 1945 feierte er, bis dahin ohne Dirigiererfahrung und erarbeitetes Repertoire, einen Debüterfolg.
Im Frühjahr 1947 stand Furtwängler, nachdem sein Auftrittsverbot aufgehoben worden war, wieder am Pult der Philharmoniker. Am 30. September 1947 trat Yehudi Menuhin demonstrativ an der Seite des Anfeindungen ausgesetzten Furtwängler im Titania-Palast auf und spielte mit den Philharmonikern Beethovens Violinkonzert. Furtwängler und Celibidache waren während der folgenden Jahre gemeinsam künstlerische Leiter des Orchesters. 1948 reiste das Orchester auf seiner ersten Auslandstournee nach dem Krieg mit Furtwängler und Celibidache nach England.
1952 wurden die Philharmoniker vom Land Berlin übernommen, und Furtwängler erhielt einen Vertrag als Chefdirigent auf Lebenszeit.
Von 1945 bis zu Wilhelm Furtwänglers Rückkehr 1952 leitete Sergiu Celibidache ad interim die Berliner Philharmoniker. Celibidache war, im Gegensatz zu Furtwängler und vor allem Herbert von Karajan, siehe unten, extrem „technikfeindlich“, was sich u.a. darin ausdrückte, dass er Schallplattenaufnahmen grundsätzlich ablehnte.
Nach Furtwänglers Tod im November 1954 wurde Herbert von Karajan (1908-1989) zum Chefdirigenten gewählt. Er leitete das Orchester 34 Jahre, länger als jeder andere. In Karajans Amtszeit wurden die neue Philharmonie gebaut (1963 eröffnet) und die Salzburger Osterfestspiele ins Leben gerufen (1967).
„War Furtwängler die Dirigentenpersönlichkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schlechthin, so war Karajan zweifelsohne der große Dirigent der zweiten Hälfte.“ [20] War Furtwängler der Intuition verpflichteter Philosoph am Dirigentenpult, so war Karajan Klangmagier, ein ekstatischer Macher von eiserner Selbstdisziplin. Karajans Auftakte waren exakt, doch dafür verzichtete er darauf, Einsätze zu geben, um auf diese Weise die Musiker dazu zu zwingen, optimal aufeinander zu hören. Meist dirigierte er mit geschlossenen Augen. „Der berühmte volle und seidene Klang der Berliner Philharmoniker, der zu ihrem Markenzeichen wurde, hat sich unter seiner Leitung erst in seiner ganzen Pracht entfaltet.“[21]
Karajan war stark von der Technik fasziniert. Er flog Jets, war mehrmals Gewinner von Segelregatten und fuhr Sportwagen. Auch sein Orchester betrachtete er als Perfektionsinstrument, das er immer mehr vervollkommnen wollte. Unter seiner Leitung entstanden zahlreiche Schallplatteneinspielungen vor allem aus dem Repertoire der Wiener Klassik und Romantik. Darunter befand sich auch die 1961/62 produzierte Gesamtaufnahme der Beethoven-Sinfonien. Der Technikfaszination Karajans war es auch zu verdanken, dass die Philharmoniker mit zu den ersten gehörten, die ab 1980 das digitale Aufnahmeverfahren testeten. Auch wurde 1982 von ihrer Aufnahme der Alpensinfonie von Richard Strauss die weltweit erste Audio-CD hergestellt.
Herbert von Karajan gründete 1967 die Salzburger Osterfestspiele, wo die Berliner Philharmoniker als Opernorchester zu erleben waren.
Namhafter Intendant der Philharmoniker in der Ära Karajan war von 1959 bis 1978 sowie von 1984 bis 1986 Wolfgang Stresemann. Er verfasste auch einige Bücher über die Philharmoniker und Karajan.
Wegen gesundheitlicher Probleme und Differenzen mit dem Orchester und Berliner Politikern erklärte Karajan im April 1989 seinen Rücktritt; er starb am 16. Juli desselben Jahres an einem Herzinfarkt.
Karajans Nachfolger wurde Claudio Abbado (*1933), der das Orchester bereits 1966 zum ersten Mal dirigiert hatte. Abbado setzte neue Akzente. Jede Spielzeit war einem bestimmten Thema gewidmet: der Lyrik Hölderlins, Goethes Faust, der griechischen Antike, Shakespeare, Alban Berg und Georg Büchner, „Der Wanderer“, „Tristan und Isolde – Der Mythos von Liebe und Tod“ und „Musik ist Spaß auf Erden“. Seine letzte Spielzeit stand unter dem Motto: „Zum Raum wird hier die Zeit – Parsifal-Zyklus“.
Während Abbados Amtszeit wurde das Orchester deutlich verjüngt; mehr als die Hälfte der Musiker der heutigen Besetzung wurden in dieser Zeit neu aufgenommen. Im Februar 1998 erklärte Abbado, seinen bis 2002 laufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen.
Im Juni 1999 wählte das Berliner Philharmonische Orchester den Briten Simon Rattle (*1955) zu seinem Chefdirigenten. Rattle kann als eine der charismatischsten Dirigentenpersönlichkeiten der Gegenwart angesehen werden. Er hatte die Philharmoniker erstmals 1987 in einem gefeierten Konzert dirigiert.
Mit Rattles Amtsantritt im Jahre 2002 wurde das Orchester neu organisiert, das bis dahin eine Art Doppelleben geführt hatte. Es gab einerseits das „Berliner Philharmonische Orchester“ im Status einer nachgeordneten Behörde, die dem Kultursenator unterstellt war. Daneben existierten andererseits die „Berliner Philharmoniker“ als Gesellschaft bürgerlichen Rechts, die vor allem Schallplattenaufnahmen machte und damit zusätzliche Einkünfte erzielte, die den Musikern, nicht jedoch der Stadt Berlin zugute kamen. Beide Organisationen wurden aufgelöst und in die öffentlich-rechtliche „Stiftung Berliner Philharmoniker“ überführt, die vor allem durch die Deutsche Bank als Hauptsponsor unterstützt wird. Diese Neuorganisation war u.a. eine Bedingung Rattles für seinen Amtsantritt gewesen.[22]
Seit September 2010 ist Martin Hoffmann Intendant der Berliner Philharmoniker.[23]
Besonders seit der karajanschen Ägide - und noch verstärkt in der Gegenwart - haben die „Berliner Philharmoniker“ systematisch alle aktuellen technischen Möglichkeiten ausgenutzt. Das waren zu Karajans Zeiten Aufzeichnungstechniken, hauptsächlich die Techniken der Aufzeichnung per Schallplatte und durch eigene Filme. In der gegenwärtigen Epoche (ab. ca 2010) treten an deren Stelle die Möglichkeiten des Internets und Techniken der aktuellen Live-Übertragung.
Neben der üblichen Internet-Präsentation haben die Berliner Philharmoniker deshalb seit 2008 eine besondere digitale Organisation aufgebaut, die „Digital Concert Hall“, die ganze Konzerte in Live-Mitschnittten höchster Qualität sammelt und per Internet anbietet. Ferner werden systematisch in Live-Mitschnitten vom Konzertpodium in Berlin aus aktuelle Konzert-Veranstaltungen in zahlreiche Groß- und Mittelstädte in ganz Europa übertragen, wobei die Qualität der Veranstaltung und der Blickpunkt - „direkt vom Podium aus“ - dieser neuen Technik eigene Reize verleiht und zukunftsträchtig ist.
2004 erhielten die Berliner Philharmoniker den Herbert-von-Karajan-Musikpreis in Baden-Baden und wurden im selben Jahr für ihr Education Programm mit dem Würth-Preis der Jeunesses Musicales Deutschland ausgezeichnet.
Die Berliner Philharmoniker wurden 2007 für ihren Beitrag zur europäischen Integration mit der Karlsmedaille für europäische Medien geehrt.[24]
Das britische Fachmagazin Gramophone wählte es im Jahr 2008 durch eine Befragung von Musikkritikern auf Platz zwei aller Orchester der Welt.
Die Berliner Philharmoniker und ihr Künstlerischer Leiter Sir Simon Rattle wurden am 17. November 2007 als Internationale UNICEF-Botschafter benannt. Das Orchester ist damit die erste Institution, die diesen Titel trägt, und der einzige Internationale UNICEF-Botschafter aus Deutschland.[25]
Die Aufnahmen des Orchesters haben zahlreiche Preise gewonnen, darunter die folgenden:
Viele Musiker der Berliner Philharmoniker kümmern sich im Rahmen des eingetragenen, gemeinnützigen Vereins Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker um den Orchesternachwuchs.[27]
Aus den Reihen der Berliner Philharmoniker sind viele kammermusikalische Ensembles hervorgegangen, wie zum Beispiel Die 12 Cellisten, das Philharmonia Quartett Berlin oder das Philharmonisches Bläserquintett Berlin.[28]
Eine Besonderheit ist seit vielen Jahren das Abschlusskonzert jeder Saison: es findet unter freiem Himmel im Grünen vor etwa 20.000 Zuhörern in der Berliner Waldbühne statt, wird im Fernsehen übertragen und endet jeweils mit Linckes Berliner Luft (aus Frau Luna).
Der Auftakt zur Spielzeit 2010/11 wurde bundesweit in 32 Kinos und auf Riesenleinwänden in Hamburg, Köln, Düsseldorf und Dresden übertragen.
Loriot alias Vicco von Bülow, der dem Orchester u.a. aus familiären Gründen verbunden war (Hans von Bülow, der erste Chefdirigent, war ein entfernter Verwandter von ihm) „dirigierte“ die Berliner Philharmoniker bei zwei Gelegenheiten: 1979 anlässlich des Kanzlerfestes, sowie 1982 beim humoristischen Festkonzert zum 100. Geburtstag des Orchesters. Für das Scharoun-Ensemble, ein Kammermusik-Ensemble der Berliner Philharmoniker, schuf er ferner seine Erzählfassung von Saint-Saëns’ Karneval der Tiere.
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