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Die Bibliothek von Babel ist eine Erzählung von Jorge Luis Borges und gleichzeitig der Titel einer von Borges herausgegebenen Buchreihe phantastischer Literatur.
Inhaltsverzeichnis |
Die 1941 veröffentlichte Erzählung war ursprünglich Teil des Bandes „Der Garten der Pfade, die sich verzweigen“ (El jardín de senderos que se bifurcan), der 1944 wiederum als erster Teil der Fiktionen (Ficciones) herausgegeben wurde.
Es handelt sich um eine Spekulation über eine mögliche Welt, welche als eine Bibliothek aller möglichen Bücher dargestellt ist. Diese Bücher, zufällig in der Bibliothek angeordnet, enthalten in der Mehrzahl für die Bewohner der Bibliothek unverständliche Texte. Die Idee einer solchen Universalbibliothek wurde von Borges bereits 1939 in einem Essay beschrieben und auf ihre literarischen Vorläufer zurückgeführt.[1]
Die Bibliothek wird als präexistent und unendlich dargestellt. Aufgrund dieser Unendlichkeit enthalte sie nach Ansicht des Erzählers alle Kombinationen des Alphabets. Borges spricht von 25 Zeichen: 22 Buchstaben, Komma, Punkt und Leerzeichen des hebräischen Alphabets.[2] Daraus resultiert die Tatsache, dass „Niemand eine Silbe zu artikulieren vermag, die nicht voller Zärtlichkeit und Schauer ist, die nicht in irgendeiner dieser Sprachen der gewaltige Name eines Gottes wäre.“ Es ist aufgrund der überwiegenden Menge der für die Bewohner nicht sinnvollen Bücher ein großes Glück, ein Buch mit auch nur einem für sie sinnvollen Satz zu finden.
Borges schildert weiterhin, wie verschiedene Bewohnergruppen der Bibliothek sich mit ihr auseinandersetzen: Es wurden und werden Sekten gegründet, von denen einige bis zur Vergötterung der meist nicht entzifferbaren Bücher gehen und andere zur Verbrennung der Bücher aufrufen, es gibt Wanderer, die die Bibliothek auf der Suche nach einem Buch mit der Antwort auf alle Fragen durchschreiten, es gibt Wissenschaftler, die sich mit der Struktur der Bibliothek befassen und viele mehr. In Borges’ Erzählung werden die Menschen in der Bibliothek alt, ohne eine Antwort gefunden zu haben auf das, was sie umgetrieben hat.
In dieser Geschichte spiegelt sich die für Borges typische Faszination des Unendlichen wider; er spekuliert verschiedene Entstehungs- und Gliederungsmöglichkeiten der Bibliothek. Auch bedient er sich, wie in allen seiner Geschichten, der Mystifizierung, bringt also beispielsweise Zitate, die schwer verifizierbar sind und bei denen nicht klar ist, ob Borges die zitierte Person erfunden hat oder sie nur kaum jemandem außer Borges, der eine gewaltige Allgemeinbildung besaß, bekannt ist. So lautet eine Fußnote:
Das hier angesprochene Buch findet sich in der Erzählung „Das Sandbuch“ in der gleichnamigen Sammlung von 1975.
Der Aufbau der babylonischen Bibliothek spiegelt einen fundamentalen Aspekt des borgeschen Literaturverständnis: nach Borges ist die Literaturgeschichte aufgebaut auf einer Totalität und zyklischer Wiederkehr aller denkbaren Inhalte, Konstellationen, Ereignisse und Formen. Das diskutierte Literaturverständnis ist aufs engste mit der Vorstellung einer 'Literatur der Erschöpfung' (Literature of Exhaustion nach John Barth) verknüpft, nach der die formalen und inhaltlichen Mittel der Literatur sich mit Beginn der Postmoderne erschöpfen. Innerhalb der endlichen Gesamtheit aller Inhalte kann es demnach nur zu einer unendlichen Neukombination bereits bestehender Formen kommen (was Ausdruck eines radikalen Intertextualitätsbegriff ist). Die Bibliothek ist eine ebensolche Gesamtheit der unendlichen Kombination endlicher Inhalte. Sie enthält alles nur denkbare Wissen, das in steter Wiederholung angeordnet ist und so eine - oberflächliche - Unendlichkeit ergibt: "Yo me atrevo a insinuar esta solución del antiguo problema: La biblioteca es ilimitada y periódica."
Die Idee einer Totalität und zyklischer Wiederkehr aller Inhalte wird ebenso in den Geschichten "El Aleph", "Funes, el memorioso", "Pierre Menard, autor del Quijote", sowie (übertragen auf ein zyklisches Geschichtsverständnis) in "Tema del traidor y del héroe" behandelt. In der Praxis findet sich dieses radikal intertextuelle Literaturverständnis der ständigen Wiederaufnahme vorheriger Inhalte ebenso in der Geschichte des "Informe de Brodie", der eine Neuschreibung der vierten Reise des Gulliver darstellt.
Diese Erzählung kann darüber hinaus als Denkanstoß zu der Überlegung dienen, auf welche Art und Weise Sinnvolles und Unsinniges entsteht oder wahrgenommen wird. Wenn man die Größe der Bibliothek abschätzen wollte, käme man auf folgendes Ergebnis: bei einer runden Bibliothek würde der Durchmesser etwa
m betragen. Dagegen gibt sich das für uns sichtbare Universum mit einem Durchmesser von nur
m relativ klein.
Der Verleger Franco Maria Ricci veröffentlichte ab 1974 in Italien unter der Leitung von Borges die Lieblingswerke des Autors als Literat und Leser ebenfalls unter dem Titel Die Bibliothek von Babel. Ab 1983 erschien diese Sammlung auch in Deutschland und wurde von Borges hier persönlich in der Edition Weitbrecht herausgegeben. Für jeden der 30 Bände dieser Sammlung von phantastischen Erzählungen aus aller Welt und mehreren Jahrhunderten schrieb Borges ein Vorwort. Bei der Büchergilde Gutenberg erschien ab 2007 eine Künstleredition in 30 Bänden mit Umschlagillustrationen von Bernhard Jäger in Aquarelltechnik.
Die Reihe umfasst[3]: