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Mit dem Filioque ist ein Zusatz zum Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel von 381 gemeint, der in der ursprünglichen Fassung nicht enthalten ist. Bis heute sind das Filioque und der Papst-Primat die beiden wichtigsten Punkte, die eine Wiedervereinigung der orthodoxen und der katholischen Kirche nach einer fast tausendjährigen Trennungsphase seit dem Morgenländischen Schisma verhindern.
Inhaltsverzeichnis |
Filioque ist lateinisch und bedeutet „und dem Sohn“. Konkret handelt es sich um den Zusatz im Absatz über den Heiligen Geist:
„ […] et in Spiritum Sanctum, Dominum et vivificantem,
qui ex Patre Filioque procedit […]“
„ und [wir glauben] an den Heiligen Geist,
der Herr ist und lebendig macht,
der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht“
Im griechischen Urtext, der auf dem Konzil dogmatisch festgelegt worden war, heißt es jedoch
„ […] Καὶ εἰς τὸ Πνεῦμα τὸ Ἅγιον,
τὸ κύριον, τὸ ζωοποιόν,
τὸ ἐκ τοῦ Πατρὸς ἐκπορευόμενον […]“
deutsch:
„ und an den Heiligen Geist,
den Herrn, den Lebendigmacher,
der aus dem Vater hervorgeht“
Bereits bei Tertullian (Adv. Prax. 4), Athanasius (Ep. ad Serap. 3,1), Basilius (De Spiritu St.18,47), Ambrosius (De Spiritu St. I 120), Augustinus (In Ioan. tr. 99,6; De Trin. XV 27, 48) und weiteren Kirchenvätern gibt es Formulierungen, auf welche sich die spätere Trinitätstheologie und die Verwendung von Filioque-Formeln stützen konnte, wobei die östlichen Väter eine subordinierende Formel oder Darstellung bevorzugen (Hl. Geist vom Vater durch den Sohn), die westlichen eine koordinierende (vom Vater und dem Sohn).[1]
Die Synode von Toledo 447 billigt ein modifiziertes Glaubensbekenntnis der Synode von Toledo 400. In der veränderten Variante wird formuliert
„Spiritum quoque Paracletum esse, qui nec Pater sit ipse, nec Filius, sed a Patre Filioque procedens. Est ergo ingenitus Pater, genitus Filius, non genitus Paracletus, sed a Patre Filioque procedens[2]“
Entscheidend ist aber erst das 3. Konzil von Toledo 589. Gegner ist der Arianismus, der die Ansicht vertrat, dass Jesus Christus weniger ist als Gott der Vater. Der Zusatz macht deutlich, dass Jesus Christus mit Gott dem Vater gleichberechtigt ist. Um den Arianismus zu überwinden, musste freilich nicht nur eine Formel verwendet, sondern eine systematische Trinitätstheologie ausgearbeitet werden.[3]
Karl der Große, der sich als „rex et sacerdos" und damit als „Herrscher und oberster Priester“ kaiserlicher Beschützer der Gemeinschaft aller christlichen Völker unter seiner Führung betrachtete, übernahm das Filioque durch die eigens zu diesem Zweck einberufene Synode von Aachen 809 für das Frankenreich, weil er, wie die Mehrheit der fränkischen, in der Tradition Alkuins stehenden Theologen, insbesondere Theodulf von Orléans, den durch das Filioque ausgedrückten Glaubenssatz als zum integralen Glaubensgut gehörig betrachtete; die Orthodoxe Kirche und mit ihr den Kaiser in Konstantinopel klagte er an, den Zusatz absichtlich entfernt zu haben. Der damalige Papst Leo III. teilte zwar Karls Ansicht bezüglich der Zugehörigkeit zum Glaubensgut, akzeptierte die Änderung im Credo jedoch nicht und ließ das nicäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis ohne Zusatz in Griechisch und Latein im Petersdom eingravieren. Die Franken blieben jedoch bei dem Zusatz im Credo. Die anti-byzantinische Haltung der Karolinger ist auch im Rahmen ihres Strebens nach der Kaiserwürde zu sehen. Zur damaligen Zeit gab es die Vorstellung, dass es nur einen christlichen Kaiser geben sollte (Zwei-Kaiser-Problem). Der byzantinische Kaiser sah die westlichen Könige gar als seine Vasallen an, obwohl dies de facto seit der Spätantike nicht mehr der Fall war. Der theologische Streit mit den Byzantinern stärkte somit die Legitimität eines westlichen Kaisertums.
Das Filioque war ein Thema beim 4. Konzil von Konstantinopel 879–880, das das Glaubensbekenntnis von 381 (Erstes Konzil von Konstantinopel) bestätigte und sämtliche Zusätze für ungültig erklärte. Der Entscheid des Konzils wurde bestätigt durch die Patriarchen von Rom (Johannes VIII.), Konstantinopel (Photius), Antiochia, Jerusalem und Alexandria (die fünf offiziellen Führer der damaligen christlichen Kirche) und den byzantinischen Kaiser Basileios I..
Der Zusatz Filioque wurde erst von Benedikt VIII. auf Bitten Kaiser Heinrichs II. endgültig dem Glaubensbekenntnis der inzwischen fränkisch beherrschten Lateiner eingefügt.
Die katholische Kirche hat den Zusatz erstmals 1215 am 4. Laterankonzil (nach der gegenseitigen Exkommunikation des Papstes und Patriarchen von Konstantinopel 1054) offiziell zum Dogma erhoben. Für die Orthodoxe Kirche war und ist das Filioque nicht akzeptabel, da es eine einseitige Abänderung des Entscheids eines allgemein anerkannten ökumenischen Konzils ist und da es der alten Interpretation der Dreieinigkeit widerspricht.
Tiefere Ursache des Filioque-Disputs ist eine unterschiedliche Interpretation der Dreieinigkeit: Für die Franken ist der Sohn auf Grund der Wesenseinheit mit dem Vater auch am Hervorgang des Geistes beteiligt, jedoch nur mitwirkend, nicht hauptrangig. Damit werden auch die Lebensbeziehungen der drei göttlichen Personen hervorgehoben, nicht nur die Ursprungsbeziehungen. Die alte Kirchentradition betonte bei der Dreieinigkeit mehr die drei unterschiedlichen Entitäten, während die karolingischen Lehrer mehr die Einheit der drei betonte. Bis zum Filioque-Zusatz im Glaubensbekenntnis war das jedoch nur eine unter mehreren örtlich unterschiedlichen Interpretationen, die die Einheit der Kirche nicht in Frage stellten.
Es sind vor allem drei Punkte, welche die orthodoxe Kirche gegen das Filioque geltend macht:
1. Durch die Einfügung „und dem Sohn“ werden mehrere Ursprünge in Gott behauptet. In der fränkischen Tradition war nämlich Augustinus' Modell vorherrschend geworden und hatte entsprechend auch Einfluss auf die Entstehung des Filioque: Vater und Sohn seien in gegenseitiger Liebe miteinander verbunden, wobei der Heilige Geist als dieses „Band der Liebe“ (vinculum amoris) gedacht wird.[4] In der kirchlichen Kunst wurde die Trinität durch zwei Personen und ein Tier dargestellt; „Gott der Vater“ und „Gott der Sohn“ sind Personendarstellungen, während „Gott der Heilige Geist“ nur durch eine Taube repräsentiert wird.[5]
Dieses Modell lehnen die orthodoxen Kirchen ab: Der Vater ist der einzige Ursprung innerhalb der Dreiheit. Der Sohn und der Heilige Geist müssten quasi als rechter und linker Arm des Vaters gedacht werden. Vom Sohn wird ausgesagt, dass er „gezeugt“ sei (generatio), vom Geist dagegen, dass er „gehaucht“ sei (spiratio).[4] Es kann für die orthodoxe Theologie „keine zwei Quellen der Gottheit“ geben, sondern nur eine.
2. Durch den Filioque-Zusatz werde der Eindruck erweckt, der Heilige Geist sei überhaupt erst durch Jesus ins Leben gerufen worden. Zwar kündigte Jesus an, den Menschen den Heiligen Geist zu senden (Joh 14,16f EU). Das bedeute aber nicht, dass der Heilige Geist nicht schon vorher existierte (vgl. z. B. Ps 51,13 EU). Sowohl Jesus Christus als auch der Heilige Geist können aber nicht als nach dem Vater existierend gedacht werden, da alle drei Gott sind und deshalb in Ewigkeit sind.
3. Das Filioque führt zur Unterordnung des Geistes unter den Vater und den Sohn. In der fränkisch überformten Tradition wurde die Lehre vom Heiligen Geist marginal behandelt. Dies führte zum sogenannten Christomonismus. In der Frömmigkeitsgeschichte des Westens ergaben sich daraus weitreichende Folgen bis zum solus Christus der Reformation und der Jesuszentrierung im Pietismus und Herz-Jesu-Frömmigkeit der Neuzeit, wie auch der charismatischen Bewegung.
Bis heute sind das Filioque und der Primat des Papstes die beiden wichtigsten Punkte, bei denen sich die orthodoxen und die katholische Kirche nicht einigen können. In der päpstlichen Erklärung Dominus Iesus über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche vom 6. August 2000 wird das filioque nicht verwendet.
Die Kirchen der Reformation haben, soweit sie die klassischen Glaubensbekenntnisse verwenden, die westkirchliche Version beibehalten, da sie bezüglich der Interpretation der Dreieinigkeit in der westlichen und nicht in der östlichen Tradition stehen, sehen darin jedoch im Allgemeinen kein grundsätzliches Problem.
Die Kirchen der Utrechter Union (Alt-Katholiken, Christkatholiken) sind zur Fassung des Glaubensbekenntnisses ohne Filioque zurückgekehrt, dies einerseits aus theologischer Überzeugung, andererseits in bewusster Annäherung an die orthodoxen Kirchen.
Jürgen Moltmann vermutet, dass „mit der Zurücknahme des Filioque […] ein kirchliches Schisma beendet werden kann“, fordert aber zugleich, „dass eine gemeinsame theologische Diskussion über die Trinitätslehre eröffnet werden muss“. [6] Das eine sei ohne das andere nicht möglich. Die Überwindung der Kirchenspaltung „ist nicht schon durch die Rückkehr zum ursprünglichen Text des Nicaeno-Constantinopolitanum zu erreichen, sondern erst durch eine gemeinsame Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis des Sohnes zum Heiligen Geist und des Heiligen Geistes zum Sohn“. [7]
Im November 2007 wurde eine Stellungnahme der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) veröffentlicht. Gemäß dieser Stellungnahme ist die Möglichkeit vorgesehen, „dass in ökumenischen Gottesdiensten mit Kirchen, bei denen das Nicaeno-Constantinopolitanum (NC) ohne Filioque in Gebrauch ist, auch lutherische Christen und Christinnen das NC ohne Filioque sprechen können.“[8]