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Wikipedia

Großdeutsche Lösung

                   

Als Großdeutsche Lösung der Deutschen Frage wurde das in der Frankfurter Nationalversammlung von 1848 diskutierte, aber verworfene Modell eines deutschen Nationalstaats unter Einschluss und Führung des Kaisertums Österreich bezeichnet. Sie stand im Gegensatz zur schließlich verabschiedeten kleindeutschen Lösung, die alle Mitglieder des Deutschen Bundes außer Österreich unter preußischer Hegemonie vorsah.

Von den Großdeutschen unterschieden sich die Alldeutschen, die sich bereits im Deutschen Kaiserreich in dem extrem nationalistischen und antisemitischen Alldeutschen Verband sammelten.

Im 20. Jahrhundert wurde der ursprünglich von Nationalliberalen und Demokraten aufgebrachte Begriff Großdeutsch zu einem Kampfbegriff gegen den Vertrag von Versailles und den Vertrag von Saint-Germain, den vor allem die rechten Parteien in Deutschland und Deutsch-Österreich verwendeten. Ihr Ziel war ein Reich, das alle deutschsprachigen Gebiete umfassen sollte, auch gegen den Widerstand des Auslands wie Italiens oder Frankreichs. Die Nationalsozialisten strebten hingegen nach einer imperialistischen Lösung der Deutschen Frage: Unter dem NS-Regime sollten einem zu erschaffenen „Großgermanischen Reich“ zur dauerhaften Vorherrschaft über den europäischen Kontinent verholfen und dafür die betroffenen Gebiete mit „Angehörigen nichtgermanischer[1], slawischer Völker“[2] germanisiert werden.[3]

Inhaltsverzeichnis

  Die Großdeutsche Lösung als Teil der Nationalbewegung

  Jubelnde Revolutionäre nach Straßenkämpfen am 19. März 1848 in Berlin

Das Wort Großdeutsch wurde erstmals vom Präsidenten der Frankfurter Nationalversammlung, Eduard von Simson, verwendet. Diese großdeutsche Bewegung war vor allem in den süddeutschen Ländern Baden, Württemberg, Bayern und Österreich verbreitet; ihre Anhänger waren meist liberal bis nationalliberal. Im Zusammenhang mit der Märzrevolution 1848 wurde darunter die Gründung eines deutschen Nationalstaates verstanden, der alle deutschsprachigen Gebiete des Deutschen Bundes und aus historischen Gründen (Königreich Böhmen, österreichische Provinzen Krain und Küstenland) auch Gebiete umfassen sollte, in denen Böhmer und Mährer bzw. Slowenen die Mehrheit der Bevölkerung stellten. Allerdings wäre diese Vorstellung politisch nur durch eine Teilung des Kaisertums Österreich zu verwirklichen gewesen, was ohne eine gleichzeitige Revolution der Ungarn undenkbar war. Durch den negativen Verlauf der Revolution setzte sich jedoch die Kleindeutsche Lösung durch, die in der Hoffnung gründete, über den König von Preußen mittels der Kaiserdeputation den Nationalstaat als Konstitutionelle Monarchie durchsetzen zu können.

  Die Großdeutsche Lösung der Habsburger

  Deutscher Bund 1815–1866

Unter der Regierung des Habsburger Kaisers Franz Joseph I. unternahm u. a. Felix Fürst zu Schwarzenberg für Österreich einige Versuche, den Deutschen Bund bundesstaatlicher zu machen. Der bekannteste davon war der Frankfurter Fürstentag 1863. Die bundesstaatlichere Verfassung hätte Österreichs Führung über den Deutschen Bund bestätigt und bestärkt und es zum Führungsstaat eines großdeutschen, monarchischen, föderalen Staatenbundes in Mitteleuropa gemacht. Daneben gab es auch eine so genannte Großösterreichische Lösung, die u. a. von Felix Fürst zu Schwarzenberg vertreten wurde. In dieser hätte das Reich alle Gebiete des österreichischen Kaiserreichs umfasst, also auch die außerhalb des Deutschen Bundes wie z. B. Galizien. Hätte Österreich mit seinen Verbündeten Sachsen, Bayern, Baden, Württemberg, Hannover, Hessen-Darmstadt, Kurhessen und Nassau im Preußisch-Österreichischen Krieg gesiegt, wäre eine solche Lösung wahrscheinlich möglich geworden.

  Zwischen den Weltkriegen

  Das deutsche Sprachgebiet um 1910

Durch den Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie in Folge des Ersten Weltkrieges war eine Vereinigung der deutschsprachigen Gebiete ihrer österreichischen Reichshälfte mit dem nun republikanischen Deutschen Reich (Weimarer Republik) möglich geworden und wurde von der deutschösterreichischen Nationalversammlung am 12. November 1918 beschlossen. Auch in der am 6. Februar 1919 eröffneten Nationalversammlung der Weimarer Republik herrschte große Zustimmung zu der Vereinigung. Diese Lösung wurde allerdings von den Siegermächten des Weltkrieges verhindert, die zudem Österreich verboten, sich Deutschösterreich zu nennen. Vor allem die Großdeutsche Volkspartei verfolgte zwischen den Weltkriegen in Österreich weiter den Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich.

Nach dem im März 1938 erfolgten Anschluss Österreichs an Deutschland ließ sich Adolf Hitler als Verwirklicher der großdeutschen Lösung feiern. 1943 wurde die amtliche Staatsbezeichnung des Deutschen Reiches in Großdeutsches Reich geändert.

  Gegenwart

Seit 1945 gilt der einst freiheitlich verstandene Begriff „großdeutsch“ aufgrund seiner Verbindung mit dem „Dritten Reich“ als diskreditiert. Die von der Bundesrepublik Deutschland und zeitweise auch von der DDR vertretene Idee eines „Gesamtdeutschland“ entspricht heute der früheren kleindeutschen Lösung unter Verzicht auf die ehemaligen deutschen Ostgebiete.

In Österreich war der Anschluss an Deutschland seit 1945 kein politisch relevantes Thema mehr; die Moskauer Deklaration der Alliierten von 1943, derzufolge Österreich „Hitlers erstes Opfer“ war und wieder selbstständig werden sollte, entsprach voll der Stimmungslage der Bevölkerung bei Kriegsende. Im Staatsvertrag von 1955 wurde der Anschluss (wie schon 1919 im Vertrag von St. Germain) verboten. Bei der überwiegenden Bevölkerungsmehrheit festigte sich seither ein eigenes österreichisches Nationalbewusstsein. Eine Minderheit (ideologische Nachfolger der Deutschliberalen und Deutschnationalen) ist weiterhin im klassischen Sinne großdeutsch orientiert.

Sowohl in Deutschland als auch in Österreich wird die Idee meist mit Rechtsextremismus bzw. Neonazismus in Verbindung gebracht, da sie u. a. von rechtsextremen Parteien wie der NPD vertreten wird. Es besteht jedoch auch eine Minderheit von Konservativen innerhalb der FPÖ und einigen kleineren Parteien, welche die ursprünglichen Gedanken der großdeutschen Lösung des 19. Jahrhunderts weiterverfolgen. Diese Minderheit befürwortet eine Union mit Deutschland auf der Basis des Grundgesetzes, vermeidet daher auch den belasteten Begriff „Anschluss“. In Deutschland gibt es neben rechtsextremen Gruppen auch unter freiheitlich-demokratisch gesinnten Monarchisten Befürworter der großdeutschen Lösung. Die Existenz einer eigenständigen österreichischen Nation wird mittlerweile jedoch allgemein angenommen.

  Einzelnachweise

  1. Zur Bedeutung siehe die Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP, Bd. 1, Teil 1, RKF 15680 – K 101 13763 f. (722), hrsg. von Helmut Heiber, Institut für Zeitgeschichte, Oldenbourg, München 1983, S. 671.
  2. Nach der im Sinne der NS-Rassenideologie letztgenannten Gruppe, s. Gertraud Eva Schrage in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands, Bd. 54, De Gruyter Saur, München 2008, 210 f.
  3. Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen, Bd. 2, C.H. Beck, München, 4., durchgesehene Auflage 2002, S. 77 f., 87; Der Spiegel 45/2008 vom 3. November 2008.

  Weblinks

   
               

 

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