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| Humanistischer Verband Deutschlands, Bundesverband (HVD) |
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|---|---|
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| Zweck: | Förderung und Umsetzung von praktischem Humanismus |
| Vorsitz: | Frieder Otto Wolf (Präsident) |
| Gründungsdatum: | 14. Januar 1993 |
| Sitz: | Berlin |
| Website: | www.humanismus.de |
Der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) ist eine Organisation zur Förderung und Verbreitung einer humanistischen Weltanschauung und zur Interessenvertretung von konfessionslosen Menschen in Deutschland.[1] Präsident ist derzeit der Philosoph und Politikwissenschaftler Frieder Otto Wolf. Im Bundesverband existieren zehn Landesverbände, die in elf Bundesländern aktiv sind. Der HVD ist Mitglied der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union, der Europäischen Humanistischen Föderation und des Koordinierungsrates säkularer Organisationen in Deutschland. Der Verband hatte laut REMID im Jahr 2010 etwa 19.000 Mitglieder in Deutschland.
Inhaltsverzeichnis |
Der HVD will Humanismus und Humanität durch ein gesellschaftliches Engagement fördern, das sich an einer säkularen Ethik orientiert. Ein zentraler Konsens unter den Mitgliedern ist dabei die "Überzeugung, dass ein moderner praktischer Humanismus im Kern darin besteht, dass Menschen ein selbstbestimmtes und verantwortliches Leben führen und einfordern, ohne sich dabei religiösen Glaubensvorstellungen zu unterwerfen."[1] Der Verband stellt das Konzept eines praktischen Humanismus in den Mittelpunkt, womit er sich zu Organisationen auf Basis einer rein ideellen Verbindung oder vorrangig theoretisch-konzeptioneller Arbeit, wie etwa für Denkfabriken typisch, abgrenzt. Die Umsetzung des praktischen Humanismus zielt darauf, "Menschen in allen individuellen Lebensphasen - von der Schwangerschaft, über die Kindererziehung, Jugend- und Bildungsarbeit, bis hin zur Sozialarbeit, Altenpflege und Sterbebegleitung" zu unterstützen. Der HVD verbindet daher eine humanistische und nicht-religiöse Weltanschauung mit ihrer Umsetzung in pädagogischen, sozialen und sonstigen Dienstleistungen.
Zudem versteht sich der Verband auch als Weltanschauungsgemeinschaft von Humanistinnen und Humanisten in Deutschland. Damit stellt er sich als Organisation nichtreligiöser Menschen neben andere Weltanschauungsgemeinschaften, zu denen er auch, vom deutschen Verfassungsverständnis (Artikel 137, Absatz 7 Weimarer Reichsverfassung) abweichend, die Religionsgemeinschaften rechnet. Die Pflege philosophischen und kulturellen Verständnissen des Humanismus wird daher als weitere zentrale Aufgabe des Verbands betrachtet, ebenso wie die Verbreitung der entsprechenden Ideen. Auf dem Selbstverständnis als Weltanschauungsgemeinschaft aufbauend strebt der HVD zudem an, in einigen Bereichen eine Gleichbehandlung von Interessen konfessionsfreier Menschen im Verhältnis zu den Rechten von Religionsgemeinschaften zu erreichen, wie etwa das Recht zum Betrieb weltanschaulicher Schulen und zur Erteilung von Lebenskundeunterricht in öffentlichen Schulen oder den Einbezug säkularer Menschen in die öffentliche Erinnerungs-, Gedenk- und Trauerkultur.[2][3] Im Verhältnis zu wiederum anderen Rechten einzelner Religionsgemeinschaften, wie der Privilegierung der christlichen Kirchen durch eine Finanzierung auf Grundlage sogenannter historischer Staatsleistungen, wird deren Gleichbehandlung mit Weltanschauungsgemeinschaften durch Abschaffung von Privilegien vertreten.[4]
Der HVD besteht als überparteiliche, föderalistische und demokratische Organisation.[5] In elf Bundesländern existieren zehn Landesverbände, die teils sehr unterschiedlich weit entwickelt sind. Die Mitgliedsverbände in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sowie in Bayern sind als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt. In Berlin und Brandenburg besteht ein gemeinsamer Verband HVD Berlin-Brandenburg. Dieser wie auch die weiteren Landesverbände in Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Thüringen sowie die Regionalgemeinschaft Ulm-Bodensee sind gemeinnützige Vereine.
Laut den Daten des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes[6] organisierte der Bundesverband im Jahr 2010 etwa 19.000 Mitglieder, davon 5.700 in Berlin[7].
Die Landesverbände bilden den Bundesverband. Der Bundesverband soll die Interessen und Rechte der Mitgliedsverbände unterstützen oder "die Interessen- und Rechtsvertretung von Mitgliedern und der weiteren Bekenntniszugehörigen unmittelbar wahrnehmen", wenn in einem Bundesland kein Landesverband besteht. In Gebieten, in denen Landesverbände bzw. Landesgemeinschaften existieren, werden durch diese die Interessen und Rechte der jeweiligen Mitgliedsverbände, Mitglieder und der weiteren Bekenntniszugehörigen unmittelbar vertreten. Höchstes Organ des Bundesverbands ist die Bundesdelegiertenversammlung (BDV). Sie fasst Beschlüsse und wählt, kontrolliert und entlastet die Organe des Bundesverbandes. Die BDV ist alle drei Jahre einzuberufen. Zwischen den BDV ist der Bundeshauptausschuss das höchste ständige Organ und sichert die Kommunikation zwischen den Mitgliedsverbänden und kontrolliert das Präsidium des Bundesverbands. Die Mitglieder des Präsidiums des Bundesverbands werden von der BDV mit einfacher Mehrheit gewählt und besteht aus mindestens sechs Personen.[5]
Langjähriger Bundesvorsitzender war bis zu seinem Rücktritt am 4. Januar 2010 Horst Groschopp.[8] Im Februar 2011 wurde Frieder Otto Wolf zum Vorsitzenden des Präsidiums des Bundesverbandes gewählt. Derzeit besteht das Präsidium aus insgesamt neun Mitgliedern.[9]
Im Bundesverband der Jungen Humanistinnen und Humanisten in Deutschland (Bundes-JuHu) haben sich in den Bundesländern tätige humanistische Jugendverbände freiwillig zusammengeschlossen. Ziel ist es, bei Wahrung der organisatorischen Selbständigkeit zusammenzuarbeiten, ihre gemeinsamen Interessen in der Öffentlichkeit zu vertreten und die Belange junger Menschen zu fördern.[10] Derzeit besteht der Jugendverband aus neun Landesverbänden. Diese veranstalten Freizeitfahrten und Sommercamps, engagieren sich in der Jugendarbeit und -bildung sowie der Beratung und Durchführung von JugendFeiern. Die Tätigkeiten sind ebenfalls regional sehr unterschiedlich stark ausgeprägt.[11] Weit entwickelt ist der JuHu-Verband in Berlin[12], während woanders eher formal vorhandene Organisationen bestehen.
Die Tätigkeitsbereiche der Landesverbände variieren stark. Das Spektrum der vorhandenen Arbeitsbereiche ist in Ländern wie Berlin, Niedersachsen und Bayern vielfältig, wenn auch vielfach stark regional begrenzt.
Der HVD ist Träger vieler Kindertagesstätten in Berlin, Nürnberg, Fürth, Regensburg und Hannover, von Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit und von Schulstationen, Schülerclubs und unterhält Sozialstationen. In Berlin unterhält er ambulante und stationäre Hospize[13]. Der Bundesverband des HVD ist, gemeinsam mit seinen Landesverbänden, Träger des Humanistischen Hilfswerks Deutschland.[14]
Der HVD in Nürnberg betreibt mit der turmdersinne-gGmbH eine wissenschaftspädagogische Erlebnisausstellung in einem Turm der mittelalterlichen Stadtmauer. Unter dem HVD-Dach werden Medienwerkstätten, Bildungsreisen und Seminare durchgeführt. In Berlin sind mehr als 50.000 Schüler Teilnehmer an humanistischem Lebenskundeunterricht, der alternativ zum Religionsunterricht angeboten wird. Der humanistische Lebenskundeunterricht ist auch in Bayern ordentliches Lehrfach, das dort an die Stelle des Religionsunterrichts tritt. Die erste „Humanistische Grundschule“ wurde im bayerischen Fürth 2008 eröffnet.[15] Der HVD Berlin erbringt mit Sozialstationen, Beratungsstellen, betreutem Wohnen, Sterbebegleitung und Trauergruppen viele Dienstleistungen. Er ist Schirmherr eines Jugendverbandes namens „Junge HumanistInnen“.
Der HVD gibt eine Mitgliederzeitschrift namens Diesseits heraus, die seit 2011 durch ein Online-Magazin[16] ergänzt wird. Seit 2003 wird vom HVD Berlin-Brandenburg zur Förderung von Aufklärung, Toleranz und Selbstbestimmung in unserer Gesellschaft der mit 2500 Euro dotierte Ossip-K.-Flechtheim-Preis an in dieser Hinsicht verdiente Menschen verliehen.
Besondere Bedeutung hat der Verband im Rahmen des sogenannten Lebenskundeunterrichts, der ein freiwilliger Weltanschauungsunterricht auf Basis einer humanistischen Lebensauffassung ist. Der Unterricht ist als Alternative zum konfessionellen Religionsunterricht konzeptioniert. Die Einführung erfolgte 1982 in West-Berlin, seit 2007 wird er auch an Brandenburger Schulen angeboten.[17] Die Teilnehmerzahlen in Berlin stiegen von einigen hundert Schülerinnen und Schülern im Jahr 1985 auf über 50.000 im Jahr 2011.[18] Lebenskundeunterricht gibt es bisher nur in Berlin-Brandenburg[19] und Bayern[20].
Im Verhältnis zum traditionellen Religionsunterricht als ordentlichem Pflichtfach an Schulen ist die Position des HVD, dass der konfessionelle Religionsunterricht ebenfalls ein freiwilliges Zusatzfach werde sollte. Der Verband fordert einen allgemeinverbindlichen, verpflichtenden Ethikunterricht an öffentlichen Schulen. Der HVD Berlin beteiligte sich am Bündnis, dass sich während der Kampagne Pro Reli für den Erhalt des Ethikunterrichts einsetzte. Weltanschaulicher Unterricht, ob von Weltanschauungsvereinigungen religiöser oder nichtreligiöser Menschen, sollte freiwillig sowie in inhaltlich und formal in eigenständiger Verantwortung der entsprechenden Gemeinschaften gestaltet werden.[21]
Angestrebt wird auf Basis der humanistischen Weltanschauung eine nicht-religiöse organisierte Alternative zu den christlichen Kirchen oder anderen Weltanschauungsgemeinschaften. Anliegen der Mitglieder ist es, eine nicht-religiöse, ethisch begründete Lebensauffassung nicht nur zu leben, sondern sie auch in konkreten Dienstleistungsangeboten praktisch umzusetzen und zu einer alltäglichen Selbstverständlichkeit in der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit werden zu lassen.[22]
An die Stelle von christlichen Feierangeboten wie Taufe, Kommunion/Konfirmation und Trauungszeremonien in den Kirchen setzt der HVD Namensfeier, JugendFEIER (siehe Jugendweihe) und die HOCHzeitsfeier. Und ebenso am Lebensende die Trauerfeier mit einem weltlichen Trauerredner.
Die Gründung des Bundesverbands des HVD erfolgte am 14. Januar 1993 in Berlin durch den Zusammenschluss von teils seit über 150 Jahren bestehenden freidenkerischen, freireligiösen und humanistisch orientierten Vereinigungen. Einige der Landesverbände sind aus Vereinigungen hervorgegangen, die bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bestehen. Darunter der HVD Bayern, der seine Entwicklung von der Gründung einer frei-christlichen Gemeinde im Jahr 1848 ausgehen sieht.[23] Der Landesverband Niedersachsen führt seine Tradition bis auf die Gründung einer freireligiösen Gemeinde in Hannover im Jahr 1847 zurück.[24] 1927 schlossen sich der Verein für Feuerbestattung mit der Gemeinschaft proletarischer Freidenker zusammen. 2005 feierte der Berliner Landesverband deshalb eine 100-Jahr-Feier, weil er sich in der Tradition des „Vereins für Feuerbestattung“ sieht, der 1905 in Berlin von Sozialdemokraten gegründet wurde.[25] In West-Berlin existierte aber wie in mehreren westdeutschen Bundesländern ein Freidenkerverband. In den 1980er Jahren verließen zahlreiche unzufriedene und ältere Mitglieder der West-Berliner "Falken" diese politische, SPD-nahe Jugendvereinigung und traten den Freidenkern bei, nicht zuletzt auf der Suche nach Arbeitsplätzen. In der DDR blieben Freidenker als Organisation lange Zeit aufgelöst. 1989 gründete das Politbüro der SED den Freidenker-Verband VdF als Gegenpart zur Kirchenbewegung; einige Mitglieder der kurzlebigen Organisation stießen nach der Wende zum HVD.
Dem HVD nahe stehen die Humanistischen Akademien in Berlin und Bayern sowie der Humanitas-Verlag. Der Verband unterhält „Kulturhistorische Archive“ mit Materialien aus seiner mehr als hundertfünfzigjährigen Vorgeschichte.
Der Humanistische Pressedienst (hpd) entstand auf Initiative der Giordano-Bruno-Stiftung und des HVD. Der hpd ging im August 2006 online. Nach einer Satzungsänderung beendete der HVD seine Mitgliedschaft im Jahr 2009.
Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland[26] (fowid) hat es sich zur Aufgabe gemacht, in wissenschaftlicher Weise Informationen über die Weltanschauungen in Deutschland zu erheben und auszuwerten. Fowid wurde im Januar 2005 von der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) initiiert und ging im März 2006 in eine gemeinsame Trägerschaft von gbs und HVD unter dem Dach der Humanistischen Arbeitsgemeinschaft (HUMAN GbR) über. Im November 2007 wurde fowid zum Teil des Humanistischen Pressedienstes.